Das Flüstern der Träume

Mein 3. Buch

In diesem Buch geht es um Emma. Die beste Freundin von Cassie in “Das Glitzern des Glücks” wird hier zur Hauptfigur. Ihr großer Traum ist es, Modedesignerin zu werden und einen eigenen Laden in Southcranton zu eröffnen. Männer hat sie daher erst mal abgeschrieben. Doch dann taucht eine wichtige Person aus ihrer Vergangenheit wieder auf – und auf einmal geht alles schief. Sollte es einen Zusammenhang geben?

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Prolog

Das Beste hoffen, das Schlimmste erwarten. Das hatte Joey im Heim immer gesagt. Deswegen mahnte Emma sich selbst, als sie die Treppe runterging, ihrer Aufregung keinen Raum zu geben. Es war damals zwar auf potenzielle Pflegeeltern bezogen, aber der Spruch ließ sich auch nach einer erfolgreichen Vermittlung noch häufig anwenden.
Ihr Geburtstag im Vorjahr war bereits eine Enttäuschung gewesen. Einen aufblasbaren Orcawal für das Schwimmbad hatte sie geschenkt bekommen. Fünf Jahre früher wäre sie wahrscheinlich ausgerastet vor Freude. Mit fünfzehn hatten sich ihre Prioritäten jedoch ein wenig verschoben. Dass das Ganze zudem ein Werbegeschenk für die Firma ihres Pflegevaters war, hatte sie versucht zu ignorieren.

Dieses Jahr wollte sie daher sehr vorsichtig mit ihrer Vorfreude sein – erlaubte ihr nur in kleinen Dosen, an die Oberfläche zu sprudeln. Auch wenn sich sechzehn Jahre für sie besonders anfühlte, bedeutete dies nicht, dass ihre Pflegefamilie es genauso sah und den besonderen Tag in irgendeiner Art und Weise würdigte.
Vorsichtig öffnete sie die Küchentür und ihr Herz machte einen kleinen Sprung, als sie den bereits fertig gedeckten Frühstückstisch sah. Um ihren Platz rankte sich eine Luftschlange und jemand hatte die gelbe Kerze, die sonst auf der Fensterbank zwischen den Blumen stand, vor ihrem Teller positioniert. Sie hatten es also schon mal nicht vergessen – wie vor zwei Jahren.
»Oh, du bist schon wach. Dabei bist du heute doch vom Küchendienst befreit?!« Ihre Pflegemutter trat auf sie zu und umarmte sie. »Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Anna … äääähhh Emma!«
Das Pflegekind vor Emma hatte Anna geheißen, und obwohl Emma bereits über zwei Jahre bei ihnen wohnte, verwechselte ihre Pflegemutter immer wieder die Namen.

Nun streckte sie ihren Kopf in den Flur und rief den Rest der Familie zusammen, damit sie frühstücken konnten. »Und bringt die Geschenke mit«, ergänzte sie.
Nicht freuen, nicht hoffen, flüsterte ihr realistisches Selbst. Das, was du dir wünschst, können sie sich eh nicht leisten. Oder wollen es nicht. Warum würden sie sonst noch ein Pflegekind zu den beiden leiblichen aufnehmen, obwohl sie weder Platz noch Zeit oder Interesse hatten?

Mr Murray kam in den Raum und überreichte ihr ein kleines Päckchen. Das war definitiv nicht die heiß ersehnte Nähmaschine. »Happy Birthday«, sagte er mit seinem viel zu festen Händedruck, von dem er mit Sicherheit wusste, dass er weh tat.
Jetzt kamen auch Saskia und Nadine in die Küche. Saskia, die älteste Schwester, überreichte ihr ein mittelgroßes Paket, nachdem die beiden gratuliert hatten.

Um die Vorfreude, die sich nun doch eingeschlichen hatte, so lange wie möglich hinauszuzögern, öffnete Emma zunächst das kleine Paket. Vorsichtig löste sie jeden Klebestreifen so, dass das Papier nicht beschädigt wurde. Dann zog sie einen kleinen Plastikbehälter hervor. Halbrunde Ausbuchtungen beherbergten bunte Garnröllchen. Auf dem roten Deckel waren Nähnadeln in unterschiedlichen Größen eingefasst. Emma öffnete das Kästchen. Im Inneren befanden sich ein dünnes Maßband, ein Fingerhut und vier kleine Druckknöpfe.

»Danke«, sagte sie zögerlich, nicht sicher, ob dieses Reisenähset, das bestimmt vom Ein-Euro-Laden aus der Innenstadt stammte, ein ernstgemeintes Geschenk war.
Ihr Pflegevater schien sich selbst nicht ganz sicher zu sein. »Es ist jetzt keine Nähmaschine, wie du sie dir gewünscht hast. Aber wenn du schnell genug nähst, bist du eben selber die Maschine.« Er klopfte sich auf die Oberschenkel, während er ein kehliges Lachen ausstieß.

Mit einem nachsichtigen Lächeln stellte Emma das Kästchen zur Seite. Solche Scherze kannte sie zur Genüge, aber sie würde sich heute nicht die Laune davon verderben lassen. Stattdessen griff sie nach dem größeren Paket. Die bunten Sterne auf dem Papier waren bereits leicht zerknittert und einige zeigten Abschürfungen von Klebestreifen aus Zeiten, in denen das Papier andere Geschenke freudig umhüllt hatte. Sie öffnete es trotzdem ebenso vorsichtig und hielt kurz darauf einen Jeansrock in den Händen. Darunter lag noch etwas aus rotem und gelbem Stoff – vermutlich Pullover.

»Oh … wie schön. Danke!«, sagte Emma und zwang sich, halbwegs fröhlich zu wirken. »Das ist wirklich …« Freundlich, dass ich die abgelegten Klamotten von Saskia und Nadine nun in einer netten Verpackung übergeben bekomme?
Sarkasmus war seit jeher der beste Weg gewesen, diese Familie zu ertragen und nicht regelmäßig in Tränen auszubrechen. Sie beendete den Satz jedoch mit einem schlichten »nett«. Wie so oft fragte sie sich, was ihre Pflegeeltern sich bei dieser Aktion gedacht hatten. Dass sie nicht merken würde, dass ihre Schwestern die Klamotten monatelang getragen hatten? Dass es für sie schon reichen würde? Dass es besser wäre als gar kein Geschenk? Oder hatten sie ihren Geburtstag doch wieder vergessen und improvisieren müssen?

Emma setzte noch mal ein Grinsen auf, denn sie hatte gelernt, dass aufsteigende Tränen so keine Chance hatten. Es war sowieso egal. Für den Abend hatte ihre beste Freundin Cassie sie ins Kino eingeladen und sie würde einfach dort mit ihr feiern. Diese Menschen waren nicht ihre Familie. Es war ein Dach über dem Kopf, bis sie endlich volljährig war. Ja, so musste sie das sehen. Sie richtete sich auf. »Also, wollen wir jetzt frühstücken?«

 

Später, in ihrem Zimmer, hatte sie die drei Kleidungstücke auf dem Fußboden ausgebreitet und umrundete sie wie ein Tiger seine Beute. Eine Hand massierte ihr Kinn, und ihre Stirn war krausgezogen. Dann sprang sie auf und zog eines der Modemagazine heraus, die sie sich ein Mal im Monat von ihrem Taschengeld gönnte, obwohl es damit halb aufgebraucht war. Wo war dieser Wahnsinnsrock gewesen, den sie vor Kurzem gesehen hatte? Der, von der Designerin aus Southcranton, die sie so sehr bewunderte. Vivien Vandeville. Ihr Zimmer war kurz darauf nur noch von einem knisternden Geräusch erfüllt, so hastig blätterte sie die Seiten um.
Schließlich fand sie ihn und sah, dass ihre Erinnerung nicht getrogen hatte. Der Jeansrock mit dem einfachen Schnitt bot tatsächlich eine gute Grundlage, um daraus etwas zu zaubern, das an ein richtiges Designerteil erinnerte.

»Was hast du denn vor?«, fragte Saskia, als Emma kurz darauf die große Schere aus der Küche holte.
Emma zuckte mit den Schultern. »Nichts Besonderes.«
Den Rest des nachmittags hörte und sah man nichts mehr von ihr. Sie war vollkommen vertieft im Zurechtschneiden von Spitze und Samt, Auftrennen von Nähten und sorgfältigem Nähen mit der Hand. So war das Reisenähset nun doch noch zu etwas gut gewesen.

Als sie sich im Spiegel begutachtete, bevor sie zum Kino aufbrach, war sie zufrieden. Sie trug ein simples, eng anliegendes schwarzes Shirt, damit die Aufmerksamkeit vollkommen auf den extravaganten Rock gelenkt wurde. Das war jetzt kein langweiliger Durchschnittsrock mehr. Nein, ganz und gar nicht. Einige Stellen hatte sie gekonnt abgerieben, damit er mit den modernen Standards mithalten konnte, stellenweise wurde der Jeansstoff durch stylische andere Stoffe ersetzt und sie hatte eine der Taschen mit schicken schwarzen Knöpfen eingefasst. Es griff den Stil des Rocks aus der Modezeitschrift auf, ohne ihn komplett zu kopieren. Niemals hätte sie vermutet, es auf Anhieb so gut hinzubekommen.

Sie zuckte zusammen, als das knatschende Geräusch der Tür sie aus ihren Gedanken riss. »Gehst du noch einkaufen fürs Abendessen?«, fragte Nadine mit ihrem treudoofen Blick, den sie draufhatte, wenn sie etwas wollte. Bevor Emma antworten konnte, wurden Nadines Augen jedoch groß. »Wo hast du den Rock her?«, verlangte sie zu wissen.
»Wieso?«, frage Emma mit Unschuldsmiene. »Den habt ihr mir doch zum Geburtstag geschenkt. Ich habe lediglich ein paar Anpassungen vorgenommen. Mit dem Einkaufen wird das übrigens nichts, ich bin noch mit Cassie verabredet.«
»Na toll«, schrie sie. »Das sag ich Mum.« Mit einem lauten Knall schmiss Nadine die Tür zu, als wäre sie soeben persönlich beleidigt worden. Doch das konnte Emmas Laune nicht trüben – sie war so voller Stolz und Enthusiasmus wegen der gelungenen Umwandlung.

Im Kino ging sie mit ihren schwarzen hochhackigen Stiefeln und selbstbewussten Schritten durch das Foyer auf Cassie zu. Sie wusste nicht, ob sie es sich einbildete, aber sie hatte das Gefühl, dass einige Blicke am Rock hängen blieben. Sie entdeckte Cassie, die mit einem Cupcake mit kleiner brennenden Kerze am Rande des Trubels auf sie wartete.
»Oh mein Gott, Emma, wo hast du denn diesen umwerfenden Rock her? Beziehungsweise, wie konntest du dir das leisten? Das muss ein Vermögen gekostet haben. Es ist doch ein Designerstück, oder?«
»Na ja, nicht direkt …« Emma klärte Cassie auf und sie zeigte sich beeindruckt über Emmas Geschick. Doch als sie hörte, wie Emmas Geburtstag bisher verlaufen war, verschwand ihre Begeisterung.
»Die haben dir echt nur ein Billignähset und ein paar gebrauchte Klamotten geschenkt?«
Emma winkte ab. »Ja, aber das ist mir inzwischen egal. Ich glaube nämlich, dass ich heute Nachmittag meine Bestimmung gefunden habe.«

 

Stunden nach dem Film saß Emma in ihrem Zimmer. Sie hatte den gesamten Inhalt ihres Kleiderschranks um sich herum ausgebreitet. Jedes Shirt und jede Hose nahm sie einzeln hoch und überlegte, wie sie sie mit den einfachen Mitteln, die ihr zur Verfügung standen, aufbessern konnte. Die Ideen sprudelten aus ihrem Kopf, und sie war sicher, dass das gesamte Nähset schnell aufgebraucht sein würde.

Leise dudelte das Radio, als sie eine Spitzenkante an die Träger eines langweiligen Tanktops nähte. »So, meine lieben Nachteulen, willkommen zurück bei Nighttalk.«
Sie liebte diese nächtliche Radiosendung. Da sie so viel in der Firma ihres Pflegevaters aushelfen musste, blieb ihr für die Schule leider nicht die Zeit, die sie gerne hätte. Wenn sie dann zu später Stunde ihre Hausaufgaben erledigte, vertrieben die Stimmen die nächtliche Stille, die sie immer nervös machte.

»Ich bin Florian und möchte noch mehr peinliche Erlebnisse von euch hören. Gerade hatten wir ja schon Claudia, deren Kumpel so angeschickert war, dass er mit einem Baum ausdiskutiert hat, ob er ihn anpinkeln darf oder nicht. Wie ist das mit euch? Seid ihr vor versammelter Mannschaft vor eine Laterne gelatscht? Ist euer Schwager im ungünstigsten Zeitpunkt auf der Toilette reingeplatzt? Raus mit der Sprache! Wie gewohnt müsst ihr keine Sorge haben, am Montag auf der Arbeit die Lachnummer des Tages zu werden. Wir nutzen unseren genialen Stimmenumwandler und keiner wird eure lieblichen Stimmchen wiedererkennen. Wir hören uns gleich wieder, jetzt gibt es erstmal noch ein bisschen Musik auf die Ohren.«
Emma fiel sofort diese unglaublich peinliche Episode aus der fünften Klasse ein. Selbst heute würde sie am liebsten die Decke über den Kopf ziehen, wenn sie daran dachte. Aber beim Radio anrufen? Niemals.
Sie konzentrierte sich auf die Nadel. Die Stiche sollten so gleichmäßig wie möglich werden. Es würde sich lohnen, schon jetzt wirkte das Top viel schicker.
»Willkommen zurück, es hat sich endlich jemand Mutiges gefunden. In der Leitung habe ich Blake für euch. Okay Blake, dann lass mal hören, was dir zuletzt die Schamesröte ins Gesicht getrieben hat.« Es knackte in der Leitung und kurz darauf war eine angenehm tiefe Stimme zu hören.

»Also, ich komme aus einer Großfamilie und da stehen regelmäßig Feiern an. Hochzeiten, Geburtstage, Taufen, Jubiläen … Irgendwas ist immer. Damit nicht jeder einzelne Monat für Monat verzweifelt, was er bloß für ein Geschenk besorgen soll, haben wir das Ganze vereinfacht: Es gibt immer ein großes gemeinsames Geschenk, das reihum von jemanden organisiert wird. Bei der Silberhochzeit meiner Tante war ich an der Reihe. Das Geschenk war schnell gefunden, ich musste also nur noch das Geld eintreiben – was bei einigen mehr als schwierig war. Kein Wunder, dass Viele das an professionelle Schlägertypen abgeben. Um mir Arbeit zu ersparen und das Ganze etwas zu beschleunigen, habe ich eine detaillierte Rundmail an alle geschrieben mit meinen genauen Plänen, einer Auflistung, wer wie viel gezahlt hat und wer bisher nichts gegeben hat.«

»Oh, oh, ich ahne, was kommt«, schaltete Florian sich ein.
»Ja. Ich Vollidiot habe vergessen, meine Tante und meinen Onkel aus dem E-Mailverteiler zu nehmen, da ich den aus der letzten Sammlung weiterverwendet hatte.«
»Hui, wie unangenehm.«
»Pfff«, schnaubte Emma und stach sich beinahe mit der dünnen Nadel in den Finger. Das sollte peinlich sein?
Im Nachhinein konnte sie es sich selbst nicht erklären, aber noch während die beiden miteinander sprachen, gab sie die leicht zu merkende Nummer in ihr Telefon ein. Mit angehaltenem Atem lauschte sie dem Freizeichen am anderen Ende der Leitung.

Und dann war da plötzlich eine Stimme. »Radio One, was kann ich für Sie tun?«
Emma erklärte ihr Anliegen, musste ein paar Details zu ihrer Person mitteilen und wurde gebeten, ihr Radio auszuschalten.
Schließlich hörte sie die angenehme Stimme von Florian. Direkt an ihrem Ohr. Sie fühlte, wie ihre Hände schwitzig wurden, und hätte am liebsten wieder aufgelegt. Aber wahrscheinlich würden sie dann sofort zurückrufen. Also hieß es: Augen zu und durch.

»Und, wen haben wir jetzt in der Leitung?«, fragte Florian.
»Hier ist … Anna«, nannte Emma den erstbesten Namen, der ihr einfiel. »Also das, was dieser Blake gerade erzählt hat, ist ja nich gar nichts! Da gibt es noch viel Schlimmeres!«
»Ach ja? Wir sind gespannt!«
Emma atmete tief durch und begann zu erzählen. Hoffentlich hielt dieser Stimmenveränderer, was er versprach. »Ich war in der fünften Klasse, und es war der erste Abischerz, den ich miterlebt habe. Die Abiturienten hatten einen schrottigen VW Käfer auf den Schulhof gestellt und waren dabei, ihn auseinanderzunehmen oder mit Farbe zu besprühen.«
»Und das sollte lustig sein?«
»Irgendwie schon. Ich verstehe es ehrlich gesagt auch bis heute nicht. Aber egal. Damals habe ich mit meiner besten Freundin Taekwondo gemacht. Im Verein. Und obwohl ich nicht mal einen Streifen auf meinem schneeweißen Gürtel hatte, dachte ich: »Jetzt kann mir keiner mehr was! Mir muss nur EINER doof kommen – dann gibt’s einen Kick und das war’s!« Ich habe mich echt für Bruce Lee gehalten. Nur mit mehr X-Chromosomen.«
Florian schmunzelte.
»Ich habe beobachtet, dass die Abiturienten Schwierigkeiten hatten, die Fahrertür des Autos abzumontieren. Also bin ich rübergegangen.« Emma hielt inne. Wie war sie bloß auf die Idee gekommen, es hier öffentlich zu erzählen?
»Ja? Und was hast du dann gemacht?«
Emma kniff die Augen zusammen. »Ich habe mich tatsächlich wie der letzte Großkotz da hin gestellt und gefragt: »Braucht ihr Taekwondo-Kräfte?«
»Hast du das wirklich so gesagt?«, fragte Florian mit einem Lachen in der Stimme.
»Ja«, sagte Emma gequält. »Und die Abiturienten haben mich machen lassen.

Ich stelle mich also vor die INNENSEITE der geöffneten Autotür, setze zum Sprung an und trete gegen die Fahrertür – die federt zurück, haut mich um und ich lande gemeinsam mit meiner Großkotzigkeit auf dem Boden.«
Florian lachte. »Herrlich! Das ist doch genau das, was man braucht, wenn die gesamte Schule zuguckt. Oh, warte kurz, Anna, ich höre gerade von der Redaktion, dass Blake wieder in der Leitung ist. Ich schalte ihn dazu.«
»Ja, hallo, ich wollte nur sagen, dass ich Annas Story überhaupt nicht schlimmer finde. Meine Sache ist ja letztes Jahr passiert, als ich achtzehn war. Seit dem bringt das Thema auf jeder Familienfeier irgendjemand spätestens mit dem Dessert auf den Tisch. Anna war ja allemal elf Jahre alt – da ist so eine Aktion doch niedlich«

»Niedlich?«, rief Emma empört, »und wie niedlich findest du es, dass ich inmitten einer Matschpfütze gelandet bin und jedem, der mich auf meine schmutzigen Klamotten angesprochen hat, die Geschichte mit meinen Taekwando-Kräften erzählen musste?«
»Na ja, wenn du mich so fragst … das ist schon verdammt niedlich.«
»Aber das Ganze hat sich super schnell rumgesprochen und bis heute, fünf Jahre später, werde ich zwischendurch gefragt, ob ich nicht mal eben meine Kräfte einsetzen könnte. Das ist ja wohl schlimmer, als so ein bisschen Gelächter innerhalb der Familie wegen Schusseligkeit.«

»Ich weiß nicht, es war auch geplant, das Geschenk, das wirklich eine riesige Überraschung gewesen wäre, mit einer richtigen Show zu überreichen. Die fiel dann natürlich ebenfalls ins Wasser. Für den Teil meiner Familie mit weniger Humor bin ich seit dem das Böse in Person. Da würde ich schon lieber auf meine Superkräfte angesprochen werden.«
»Also, wenn es dich tröstet: Ich habe gehört, dass solche Badass-Typen ziemlich gut in der Frauenwelt ankommen.«
»Oh ja, ich sehe sie förmlich bereits dahinschmelzen, wenn ich von meinen bösen Machenschaften mit Tante Ursulas Hochzeitsgeschenk erzähle.«
»Na wenn du sie nicht persönlich umhaust könnte ich immer noch vorbeikommen und meine Taekwondo-Power einsetzen …«

»Wenn das mal kein Angebot ist.« Emma hörte das Lächeln in seiner Stimme. Sie setzte zu einer Antwort an, doch Florian kam ihr zuvor. »Okay, okay, meine Lieben. Schön, dass wir das jetzt geklärt haben. Danke für eure peinlichen Geschichten. Davon will ich heute Nacht mehr hören. Wie ist es mit euch da draußen?«
Musste er sie ausgerechnet jetzt unterbrechen, wo es spannend wurde? Auch wenn sie sich ein wenig vom Thema entfernt hatten … Gedanklich ging Emma das Gespräch mit Blake noch einmal durch und schüttelte grinsend den Kopf.

 

Mit einem Lächeln auf den Lippen war Emma eingeschlafen und mit einem Lächeln stand sie am nächsten Morgen auf. Sie summte leise vor sich hin, während sie die Teller, Toast, Butter und Marmelade auf den Tisch stellte.
Ihre Pflegemutter begrüßte sie mürrisch, als sie in die Küche kam, während ihr Vater ohne ein Wort nach der Zeitung griff, die Emma zurechtgelegt hatte, und sich damit an den Tisch setzte. Schließlich kamen auch Nadine und Saskia tuschelnd in den Raum.
Emma hatte gerade zwei Brotscheiben im Toaster versenkt, als sich ihre Pflegemutter räusperte. »Ähemm, Emma, das ist jetzt etwas unangenehm …«
»Ja? Was denn?« Dass ihren Pflegeeltern etwas unangenehm wäre, war eine Premiere.
Eigentlich hätte sie sich bereits jetzt auf das Schlimmste gefasst machen müssen – ohne auf das Beste zu hoffen.
Vorsichtshalber.
»Also, wegen dem Geschenk …«
Emma bis sich auf die Zunge, um die Grammatik ihrer Pflegemutter nicht zu verbessern, und sah sie erwartungsvoll an.
»Dem Geburtstagsgeschenk. Da habe ich was verwechselt. Ich habe aus Versehen Nadines Rock mit eingepackt. Das geht natürlich nicht. Das ist ja Nadine ihr Rock. Kannst du ihn ihr bitte zurückgeben?«
Sie warf einen Blick zu ihrer Pflegeschwester rüber. Nadine lächelte zuckersüß.
»A-aber er ist schon gar nicht mehr so, wie er war. Ich habe den ganzen Nachmittag daran gearbeitet und ihn umgenäht.«
Ihre Pflegemutter wandte sich an Nadine: »Stört dich das?«
Sie zuckte mit den Schultern. »Das ist schon okay.«

In Emmas Kehle begann es zu brennen. »Das meine ich nicht. Ich will damit sagen, dass ich ihn verschönert habe … Während meiner Freizeit. Mit meinem Nähset. Es wäre total ungerecht, ihn mir jetzt wieder wegzunehmen.«
»Ungerecht wäre, wenn du ihn behältst, obwohl er Nadine gehört.«
»Aber ich habe mir so viel Mühe gegeben.« Tränen glitzerten nun in ihren Augen. »Darf ich ihn behalten?« Sie sah ihren Pflegevater flehend an. »Bitte!«

Er schlug die Ecke seiner Zeitung nach unten und musterte sie.
»Bitte! Ich … ich verzichte auch einen Monat lang auf mein Taschengeld … übernehme den Putzdienst und arbeite noch mehr im Büro.«
»Hol jetzt das verdammte Teil und gib es deiner Schwester«, knurrte ihr Pflegevater. »Und dann will ich nichts mehr davon hören.«
Emma stand auf und ging wie in Trance zur Tür. »Ach, Emma …« Sie hatte die Türklinke bereits in der Hand, als er sich noch mal an sie wandte. »Diese anderen Dinge machst du trotzdem. Ich kann in meinem Haus keine Ungehorsamkeit dulden.«

Das Atmen fiel ihr schwer, als sie in ihrem Zimmer ankam. Sie griff nach dem Rock, strich über den riffeligen Jeansstoff und die weiche Spitze. Dann hielt sie ihn ein letztes Mal hoch. Er war wirklich großartig geworden. Sorgfältig faltete sie ihn zusammen und legte ihn zu den zwei hässlichen Pullis. Ging herunter und schloss vor der Küche für einen Moment die Augen. Sie atmete tief ein und aus. Dann ging sie, so ruhig wie sie konnte, hinein und platzierte den Stapel vor Nadine auf dem Tisch.
Es fühlte sich an, als hätte sie soeben ihren linken Arm herausgerissen und ihr übergeben.
Wortlos verließ sie den Raum.

 

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