Warum du mit nicht ausgebildeten Lektoren draufzahlen könntest

Heute muss ich grinsen, wenn ich daran zurückdenke, dass ich bei meinem ersten Praktikum im Verlag nahezu Angst vor den Lektoren hatte. Lektor. Ich konnte diesen Begriff nicht mal ohne eine gewisse Ehrfurcht denken, und die Menschen, die sich so nennen durften, kamen für mich den Menschen im weißen Kittel gleich, die Operationen am offenen Herzen durchführten.
Nur eben an Büchern.

Jede Mail an eine Lektorin habe ich quasi mit zitternden Händen geschrieben und zwanzig Mal Korrektur gelesen, denn ich war mir sicher, dass die Lektorin umgehend jeden noch so kleinen Fehler entdeckt und mich dann ohne Umschweife als Wesen einer niederen Daseinsform abstempelt.

Heute weiß ich das natürlich besser. Lektoren sind auch nur Menschen und somit unterlaufen auch jedem Lektoren Fehler. Heute weiß ich sogar, dass „Lektor“ kein geschützter Begriff ist und sich prinzipiell jeder so nennen kann.

Und das birgt Gefahren. Ein wenig beneide ich ja die Menschen, die sich das lästige Volontariat bei einem Verlag ersparen konnten. Immerhin muss man dort als Uniabsolventin mit Ende zwanzig unter dem Mindestlohn arbeiten und für ein oder zwei Jahre seine Aufopferungsbereitschaft für die Buchwelt unter Beweis stellen.

Anders findet man kaum einen Weg in die Verlagswelt.

Aber ich habe tatsächlich nirgendwo – und das schließt mein Kulturwissenschaftsstudium ein – so viel über Bücher gelernt, wie bereits nach meinem ersten Jahr im Verlag.

Plotstrukturen verinnerlichen

Bücher sind das Tagesgeschäft der Verlage. Die Welt dreht sich hier nicht um die Sonne, sondern um die nächste Veröffentlichung. Im Schnitt prüfen die Lektoren zwei bis drei Titel pro Woche. Die werden ALLE im Team kurz vorgestellt und besprochen, was man am Inhalt interessant fand oder warum man es ablehnen würde.

Wenn man ein zehnköpfiges Team hat, heißt das also, dass pro Woche zwanzig bis dreißig Plots besprochen werden. Ein besseres Training für Plotstrukturen und Genreanforderungen kann man sich kaum wünschen. Natürlich kann man sich das auch alleine aneignen, aber es würde sehr, sehr lange dauern und man muss verdammt fleißig sein.

Rechtliche Problemfälle erkennen

Hinzukommen urheberrechtliche Besonderheiten. Jedes Kapitel mit einem griffigen Zitat beginnen? Was für die Abschlussarbeit an der Uni noch kein Problem war, sieht in der Belletristik anders aus. Es ist nicht unmöglich, aber es kann teuer und vor allem aufwendig werden, wenn jedes einzelne Zitat angefragt werden muss.

Auch Liedtexte dürfen vom Protagonisten nicht fröhlich in die Welt hinausgeträllert werden. Und mal eben die fiktive Bundekanzlerin Angelika Berkel nennen und in ein unschönes Licht stellen … Darf man das? Ich wusste es zu Beginn nicht und ich weiß, dass diese Dinge einigen selbsternannten Lektoren nicht auffallen.

Rechtschreiblich schwierige Wörter

Der Duden hat eine ganze Liste davon und ich gucke sie immer wieder gerne an, denn ich kenne bei weitem noch nicht alle. Aber man merkt mit der Zeit, dass auch Autoren, die in der Rechtschreibung sehr sicher sind, gewisse Lieblingsfehler haben. Das sind dann aber Spezialfälle, die man nur kennt, wenn man sich sehr viel mit Sprache beschäftigt.

Für eines meiner Bücher hatte ich jedoch eine selbsternannte professionelle Korrekturleserin und war geschockt.

Sie kannte nicht mal einfache Substantivierungen!
Bei Sätzen wie „Beim Gehen bemerkte sie, wie schwindelig ihr war.“ hat sie tatsächlich das G von Gehen klein gemacht. Auf der anderen Seite hat sie dann den Sonderfall „die beiden“ in groß geändert, obwohl „beiden“ ein Pronomen ist und IMMER klein geschrieben wird.

Obwohl ein Lektorat kein Korrektorat ersetzt, sollte man sich auch als Lektorin sehr gut mit der Rechtschreibung auskennen und ein gutes Auge dafür haben. Ich bin mir sicher, dass es auch auf dieser Website noch einige Fehler gibt. Und auch meine Mails lese ich nicht mehr drei Mal Korrektur. Aber ich finde, wenn man schon auf der Startseite einer selbsternannten Lektorin eine Handvoll Fehler findet, sollte man stutzig werden.

Ich will jetzt beim besten Willen nicht alle Lektoren, die ohne Verlagsausbildung arbeiten, verteufeln. Ich kenne auch einige, die sich über Fortbildungen oder sogar im Selbststudium ein enormes Wissen angeeignet haben und die absolut zuverlässig und kompetent arbeiten.

Ich finde es nur schade, dass man bei Lektoren anders als bspw. bei Coverdesignern nicht auf den ersten Blick sagen kann, welche Qualität die Arbeit hat und möchte dafür sensibilisieren, hier unbedingt auf die Referenzen zu achten.

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4 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

Der Artikel war super. Aber wo wie schon beim Thema »Buch veröffentlichen« sind. Warum nicht auch mal das Geschichtenschreiben an sich behandel? Damit meine Ich nicht nur Erzähltechnicken, sondern auch das Phänomen der fast-immer-gleichen-Prämisse verhindert bzw. so verändert, dass es kaum auffällt (z.B. haben »Die Tribute von Panem« und »Die Bestimmung« fasst die gleiche Prämisse.)

Antworten

    Danke, Vanessa! Das ist eine gute Idee und in meinem Kopf habe ich gefühlte 10.000 Ideen für weitere Blogartikel. Leider fehlt mir momentan zwischen der Arbeit, meinen eigenen Büchern, meiner kleinen Tochter und dem YouTube-Kanal die Zeit für neue Artikel. Du kannst aber sehr gerne einen Gastartikel darüber schreiben wenn du magst, denn ich denke, dass das Thema für viele interessant ist. :-)

    Antworten
Ines Pischel
17. Juni 2019 18:44

Hallo Serena

Endlich hab’ ich’s mal auf Dein Blog geschafft.
Schön, dass Du das Problem mit dem Lektorieren angesprochen hast. Es ist tatsächlich schwierig, bei dem Angebot auf dem Markt die Spreu vom Weizen zu trennen, und das Risiko liegt bedauerlicherweise immer beim Autor, der sich darauf verlässt.

Viele Grüße von Ines (Quora)

Antworten
    Serena Avanlea
    26. Juni 2019 8:11

    Hi Ines,
    lieb, dass du vorbeischaust!
    Ich fürchte auch, dass man sich höchstens auf das Probelektorat und evtl. noch Empfehlungen verlassen kann.:-/
    Letztendlich ist es aber wohl fast überall so …

    LG
    Serena

    Antworten

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